Zielverfolgung oder Prozessbegleitung?

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In der Reflektion über eine Ateliersession im Frühjahr 2017 entstanden untenstehende Gedanken, die Atelierteilnehmer Matthias Konrad, Vorstand bei der Caritas Braunschweig e.V. für uns zu Papier brachte. Er stellt sich der Frage, was Führung in der heutigen Zeit braucht und beantwortet, warum das Atelier ein Forum ist, in dem genau dies realisiert und geübt werden kann.

Danke, Matthias Konrad für diese Gedanken. Viel Spass beim Lesen. Wir freuen uns sehr über Ihre Gedanken und Kommentare im Anschluss.

Unternehmensentwicklung durch Zielverfolgung oder Prozessbegleitung?

Wir leben in einer Welt, in der es immer weitergehen muss. Wir sind mit ständig neuen Anforderungen konfrontiert, für die es zielgerichtete Lösungen geben muss. Der Erfolgsdruck ist dabei groß, dass wir die Zielerreichung nicht dem Zufall überlassen können oder wollen. Auch nicht in der Unternehmensführung.

Darum behandeln wir unser Unternehmen oftmals so wie ein Handwerker ein Stück Stahl. Wir nehmen Werkzeuge und Maschinen und arbeiten auf das „Material“ ein in der Hoffnung, dass sich das Unternehmen formen lässt wie Stahl. An die Grenzen kommen wir immer dann, wenn wir einsehen müssen, dass ein Unternehmen aus Menschen besteht und Menschen und Gruppen von Menschen sich nicht so verlässlich formen lassen, wie ein Werkstück. Was hier gebraucht wird ist ein Veränderungsprozess auf zwei Ebenen.

Der Erkenntnisprozess:

Es ist eine alte Erkenntnis, dass Menschen im Gruppenkontext neue Eigenschaften entwickeln, die sie ohne die Gruppe nicht entwickeln können (Emergenz1). Das bedeutet auch, dass Menschen dann Ziele besser erreichen können, wenn man sie in gruppendynamischen Prozessen arbeiten lässt und diese Prozesse gut begleitet. Wir brauchen die „am eigenen Leib“ erlebte Erkenntnis, dass dies tatsächlich funktioniert und die Unternehmensentwicklung und den Unternehmenserfolg deutlich voranbringt.

Der emotionale Prozess:

Blicken wir noch einmal zurück auf das Bild mit dem Handwerker. Mit seinen Werkzeugen und Maschinen hat er eindeutige Macht über das Werkstück. Er kann genau erkennen, welcher einzelne Arbeitsschritt welchen Fortgang im Sinne der Zielerreichung verursacht. Ursache und Wirkung stehen in direkten und vor allem messbaren Zusammenhang. Das gibt ihm Sicherheit auf dem Weg zum Erfolg.

Der zweite Prozess, den wir brauchen, ist der emotionale Prozess, diese – bei Menschen vermeintliche – Macht und diese gewünschte Sicherheit loszulassen.

Es geht nicht darum, Ziele aufzugeben. Aber es geht darum, den Erfolg nicht selbst machen zu wollen. Es geht darum, die Mitarbeiter selbstgesteuert auf die Herausforderungen loszulassen, ihnen zu vertrauen. Die vermeintliche Sicherheit in der Unternehmenssteuerung loszulassen ist an vielen Stellen ein hochemotionales Thema.

Was brauchen wir nun zuerst? Das Loslassen der Führung, damit kreative Prozesse entstehen können? Oder das Entwickeln und Begleiten von Prozessen, damit es Führungskräften gelingt loszulassen?

Beide Prozesse bedingen sich gegenseitig und beide brauchen vor allem eines: Zeit. Darum tun wir als Führungskräfte gut daran, Mitarbeiter langsam aber auch in der gebotenen Zeit an eigenverantwortliche Arbeit und selbstgesteuerte Kreativität heranzuführen. Und wir sollten uns selbst Zeit nehmen, uns an das Loslassen und an den Verlust von Macht und Sicherheit zu gewöhnen.

1 Wikipedia.de: Die Emergenz (lat. emergere „Auftauchen“, „Herauskommen“, „Emporsteigen“) ist die Herausbildung von neuen Eigenschaften oder Strukturen eines Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente. Dabei lassen sich die emergenten Eigenschaften des Systems nicht – oder jedenfalls nicht offensichtlich – auf Eigenschaften der Elemente zurückführen, die diese isoliert aufweisen. So wird in der Philosophie des Geistes von einigen Philosophen die Meinung vertreten, dass Bewusstsein eine emergente Eigenschaft des Gehirns sei. Emergente Phänomene werden jedoch auch in der Physik, Chemie, Biologie, Psychologie oder Soziologie beschrieben.

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